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Hebron im Westjordanland

Hebron

Während unserer Zeit in Israel wollten wir auch einen Einblick in den palästinensischen Teil des Landes bekommen. Da wir mit unserem israelischen Mietwagen jedoch nicht die Grenze zum Westjordanland überqueren durften und unser Urlaub mit zehn Tagen ohnehin recht kurz war, entschieden wir uns für einen geführten Ausflug mit Abraham Tours. In unserem Hostel in Jerusalem buchten wir eine so genannte „dual-narrative“ Tagestour nach Hebron. Die Stadt ist mit 200.000 Einwohnern die größte im Westjordanland und gleichzeitig die umstrittenste, denn die Altstadt ist zwischen einer israelischen Minderheit von 700 jüdischen Siedlern und der palästinensischen Gemeinschaft aufgeteilt, was zu zahlreichen mitunter tödlichen Konflikten führt. Das Besondere an der Tour: Teilnehmer haben die Möglichkeit die Stimmen beider Seiten zu hören.

Hebron

Am Morgen der Tour wurden wir von Elias, einem aus den USA ausgewanderten Juden, im Hostel abgeholt. Unsere komplette Reisegruppe bestand aus fünf älteren Amerikanern, einem deutschen Studenten, einem koreanischen Neuseeländer auf Weltreise, einer nach Dänemark ausgewanderten Deutschen und uns. Zunächst ging es mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof, wo wir in einem gepanzerten Linien-Bus nach Hebron stiegen. In der Stadt angekommen, erkundeten wir zuerst das israelische Siedlungsgebiet. Die Stadt ist seit 1998 unterteilt in zwei Zonen: Zone H1 (palästinensisch kontrolliert) und Zone H2 (israelisch kontrolliert). 20 Prozent aller Einwohner wohnen in Zone H2, welche fast die komplette Altstadt umfasst. Palästinenser durften sich nach der Teilung zunächst frei in Zone H2 bewegen, jedoch kam es hier zwei Jahre nach Ausbruch der Zweiten Intifada zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, woraufhin Wachtürme, Zäune und Checkpoints errichtet wurden. Mittlerweile werden die 700 ultraorthodoxen jüdischen Siedler von über 2.000(!) israelischen Soldaten beschützt. Palästinensische Geschäfte mussten geschlossen werden und die Lage der Palästinenser in dem „rechtsfreien Raum“ wird häufig mit einem Apartheidssystem verglichen. Die jüdischen Siedler sind selbst bei vielen Israelis verhasst, da sie hohe Staatskosten verursachen und sehr radikale Ansichten vertreten.

Hebron

Erster Programmpunkt war eine Art Fragestunde mit David Wilder, einem bekannten Aktivisten und ehemligen Sprecher der jüdischen Gemeinschaft in Hebron. Wie schon erwähnt, haben die Siedler sehr radikale Ansichten und auch Wilder erhebt jüdischen Anspruch auf die Stadt Hebron. Religiöser Hintergrund: In der Stadt begraben liegt Abraham, Urvater der Moslems, Juden und Christen. Der Ort ist somit heilig für alle drei Weltreligionen und das Grab befindet sich in der Mitte eines Gebäudes, welches auf der einen Seite Synagoge und auf der anderen Moschee ist. Nach dem Treffen mit Wilder passierten wir einige Checkpoints und bekamen die Gelegenheit mit israelischen Soldaten über ihren Einsatz in Hebron zu sprechen. Die Soldaten berichteten uns von Messer-Überriffen durch palästinensische Jugendliche, die daraufhin erschossen wurden. So geschehen erst zwei Wochen vor unserem Besuch. Dass solche Ereignisse nicht spurlos an den jungen Männern vorübergehen, zeigt unter anderem die Initiative Breaking the Silence, eine Organisation israelischer Reservisten, die das Schweigen über Besatzungsrealitäten in palästinensischen Gebieten brechen möchte. Ziel ist es, alltägliche Erniedrigungen öffentlich zu machen und die israelische Gesellschaft wachzurütteln. Auch auf uns wirkten die Soldaten extrem erschöpft und angeschlagen.

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Der erste Teil der Tour endete mit einem Besuch der schon erwähnten Synagoge und im Anschluss übergab Elias unsere Gruppe an Mohammed, unserem Guide für den Nachmittag. Mit Mohammed ging es zunächst in das Haus einer palästinensischen Familie, die bereits ein Mittagessen für uns vorbereitet hatte. Vor allem für die Kinder der Familie waren wir eine kleine Attraktion und während des Essens wurden wir immer wieder mit den Handy-Kameras der Heranwachsenden fotografiert und gefilmt.

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Mohammed berichtete uns von den Repressionen der Israelis in Zone H2 und dass den hier lebenden Palästinensern durch die Schließung aller Geschäfte die komplette Lebensgrundlage entzogen wurde. Im Anschluss zeigte er uns die Moschee sowie das Grab Abrahams, welches wir von der gegenüberliegenden Seite bereits am Vormittag besichtigt hatten. Die Tour endete mit einem Rundgang durch die Altstadt, welche einer Geisterstadt gleicht. Über die Hälfte der Wohnungen sind verlassen oder geräumt. Die engen Straßen wurden von den Verbleidenden mit Netzen abgedeckt, um sich vor Müll und Steinen zu schützen, den die jüdischen Nachbarn auf sie werfen. Ein für uns unfassbar bedrückender Anblick, welcher nur durch die vielen aufdringlichen arabischen Händler noch getoppt wurde. Am Ende des Rundgangs trafen wir wieder auf Elias, welcher uns im Bus zurück nach Jerusalem begleitete.

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Der Ausflug exklusive Transfer kostet circa 70 Euro pro Person und ist absolut empfehlenswert, um einen groben Einblick in den Nachost-Konflikt zu bekommen. Völlig ausgeblendet wurde natürlich die palästinensisch kontrollierte Zone H1. Ein Besuch ist aber laut Reiseberichten absolut lohnenswert, denn in dem wirtschaftlich pulsierendem Teil der Stadt zeichnet sich ein ganz anderes Leben Palästinas.

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